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#Pluralismus

«Es sind die Graustufen, die zum gesellschaftlichen Dialog führen»

Team Pro Futuris*

14. September 2022

«Es sind die Graustufen, die zum gesellschaftlichen Dialog führen»

Aleks Khordadpour und Heinz Etter denken politisch ganz anders. Beim Gespräch im Rahmen von «Lasst uns reden» haben sie dennoch gemeinsamen Boden gefunden. Und haben bereits ein nächstes Treffen vereinbart.

An einem Sonntag Ende August treffen sich Heinz Etter und Aleks Khordadpour in einem Hafenrestaurant am Bodensee. Die beiden Männer wissen fast nichts voneinander ausser, dass sie in zentralen politischen Fragestellungen entgegengesetzte Haltungen vertreten. Doch genau darum sind sie hier. Sie nehmen an «Lasst uns reden» teil. In dieser Dialogreihe führen Personen mit unterschiedlichen politischen Meinungen ein Gespräch und versuchen gegenseitig zu verstehen, wie die andere Person zu ihren Überzeugungen kommt.

Heinz Etter, gut siebzig, aus St. Peterzell im Kanton St. Gallen empfindet die durch die Covid-Krise entstandene Spaltung der Gesellschaft als prekär. «Es kann doch nicht sein, dass Familien wegen unterschiedlichen Ansichten zur Impfung auseinanderbrechen», sagt er. «Die sozialen Folgen der Massnahmen wurden durch den Bundesrat meiner Meinung nach viel zu wenig berücksichtigt.» Aus diesem Anlass entscheidet sich der Erziehungsberater, bei «Lasst uns reden» mitzumachen.

Aleks Khordadpour, 32-jährig, aus dem züricherischen Kilchberg, sorgt sich aus anderen Gründen um die Segregation in der Gesellschaft. Er unterrichtet Migrant:innen in Deutsch. «Wenn ich dabei mit Frauen konfrontiert bin, die trotz zehn Jahren Aufenthalt in der Schweiz nur wenige einzelne Worte einer Landessprache beherrschen, stimmt mich das nachdenklich und traurig», sagt er. «Aber es motiviert mich auch, einen Beitrag zur Integration zu leisten.» Er stösst auf Instagram auf «Lasst uns reden» und fühlt sich angesprochen.

Ein Dialog von Mensch zu Mensch

Als die beiden am Bodensee aufeinandertreffen, sind sie sich sofort sympathisch. «Wenige Minuten nach Gesprächsbeginn wurde klar, dass wir uns beide nicht auf ein hitziges Streitgespräch, sondern auf einen Dialog von Mensch zu Mensch eingestellt hatten», sagt Aleks Khordadpour. «Mich hat gleich zu Beginn beeindruckt, dass Heinz eine Minderheitsmeinung vertreten kann, ohne in eine defensive oder aggressive Rhetorik zu fallen.»

Fast drei Stunden lang sprechen Khordadpour und Etter miteinander. Ein schönes und offenes Gespräch, finden beide. Obwohl ihre Ansichten teilweise auseinanderdriften.

Grossen Differenzen zum Trotz

Nicht einig sind sich Etter und Khordadpour im Punkt, ob es homosexuellen Paaren erlaubt sein soll, Kinder zu adoptieren. Während für Etter das Recht des Kindes auf einen Vater und eine Mutter übergeordnet und notwendig ist, betrachtet Khordadpour eine ergänzende Anpassung des Wortlauts der Kinderrechtskonvention als wünschenswerten Schritt in eine LGBTQ-freundlichere Welt. «Aber selbst bei diesem Thema kamen wir nach kurzer Zeit auf die Gefahr von Ausbeutung durch Leihmutterschaft zu sprechen. Es hat mich persönlich sehr gefreut, dass Aleks diesen Umstand ebenfalls kritisch sieht», merkt Etter an.

Ein Thema sei auch die Migrationspolitik gewesen. «Wir waren uns einig, dass es unethisch ist, nur gut ausgebildete Menschen aus ärmeren Ländern in die Schweiz zu holen», sagt Etter. Vielmehr sollte man Menschen in Not aufnehmen. Sie seien sich aber einig, dass sich keine problematischen oder extremistischen Subkulturen bilden sollten, ergänzt der Erziehungsberater.

«Ich sage nicht, dass die Einwanderung nur problemlos ist», betont Khordadpour, der selbst einen iranischen Vater hat. Auch er bedauere es zuweilen, dass extremere Ansichten bei Menschen mit ausländischen Wurzeln eher toleriert werden als bei Inländer:innen. «Darin stimmten wir überein.»

Auf ein nächstes Mal

Obwohl die beiden ihre Kreuzchen auf dem Fragebogen zur Dialog-Anmeldung in ziemlich verschiedenen Feldern gesetzt hatten, haben die Differenzen nicht dazu geführt, dass man sich gegenseitig verurteile, sagt Heinz Etter. «In Schwarzweiss zu denken, bringt uns nicht weiter. «Es sind die Graustufen, die zum Erhalt eines fruchtbaren gesellschaftlichen Dialoges führen», ergänzt sein Gesprächspartner.

Beide freuen sich, dass ihnen ein differenziertes Gespräch gelungen ist und sie sich deshalb gut verstanden haben. Sie haben vereinbart, sich wieder zu treffen – dieses Mal zum Essen in einem iranischen Restaurant.